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Glaube hinter Gitterstäben

Er hat vermutlich einen der härtesten pastoralen Jobs: Gefängnisseelsorger Herbert Trimmel. Seit 23 Jahren betreut er Gefangene in der Wiener Haftanstalt Josefstadt. Er weiß: Echte Seelsorge beginnt am Rand der Gesellschaft, nicht in der Mitte.

 

Bloß raus hier, tief Luft holen, durchatmen!“ – So reagiert vermutlich jeder, der das wuchtige Gebäude in der Wiener Landesgerichtsstraße 11 zum ersten Mal betritt. Wenn sich die Sicherheitsschleusen hinter einem schließen, Gittertüren surren und Kameras jede Bewegung skeptisch verfolgen, begreift man schnell, was es bedeutet, von der Außenwelt abgeschnitten und seiner Freiheit beraubt zu sein. Nur einen Steinwurf vom Hort der feinen Künste, der Universität entfernt, beherbergt das Gebäude nicht nur die Wiener Staatsanwaltschaft und das Landgericht, sondern in seinem Innersten die Justizanstalt Wien-Josefstadt. 1200 Häftlinge sitzen hier ein oder warten in Untersuchungshaft auf ihren Prozess, abgeschirmt von undurchdringlichen Sicherheitsschleusen und gelangweilt hinter ihren Monitoren sitzenden Justizbeamten.
Um die Haft erträglich zu gestalten, um familiären Trennungsschmerz und die dumpfe Einsamkeit zu lindern, sind gleich zwei unabhängige Einrichtungen in der „Josefstadt“ tätig: der psychologische Dienst des Gefängnisses sowie die katholische und evangelische Gefängnisseelsorge. „Natürlich arbeiten wir immer auch Hand in Hand, wobei wir die stärkeren Arme haben“, feixt der katholische Gefängnisseelsorger Herbert Trimmel mit seinem „weltlichen“ Kollegen Wolfgang Neuwirth vom psychologischen Dienst. Erst Priesteramtskandidat, dann Sozialarbeiter, ist Trimmel bereits seit 23 Jahren in der „Josefstadt“ tätig und hat sich notwendigerweise ein dickes emotionales Fell zugelegt. Humor ist eine gute Brücke, die auch an einem so außergewöhnlichen Arbeitsplatz trägt. Mit ihm arbeiten fünf hauptamtliche katholische Seelsorger hier und ein evangelischer Kollege, die anderen Religionen entsenden anlassbezogen ihre Seelsorger.

 

Zeit zum Zuhören

 

Zeit für Gespräche, Zeit zum Zuhören – das ist das Wichtigste, was man den Menschen hier schenken kann, erzählt Trimmel. In seinem kleinen Büro mit ebenfalls vergitterten Fenstern und ungesund zuckenden Neonröhren im Besuchstrakt des Gefängnisses ist er selten. „Ich bin ja meistens bei den Gefangenen im Einsatz“ – es sei denn, er feiert mit ihnen in der hauseigenen Kapelle einen Wortgottesdienst. Hell und freundlich präsentiert sich der Raum, hohe Decken und mit biblischen Erzählungen von Vergebung und Neuanfang illustrierte große Glasscheiben im Altarraum lassen fast vergessen, dass man sich im Zentrum eines Gefängnisses befindet. Dreimal pro Woche feiert hier ein Priester die Eucharistie, täglich gibt es Wortgottesdienste oder gemeinsame Gebete. Bei einer Frequentierung der „Josefstadt“ von fast 10.000 Häftlingen pro Jahr ist es unmöglich, eine stabile Zahl von Gottesdienstbesuchern anzugeben, so Trimmel. Eigene Gebetsräume gibt es auch für evangelische Häftlinge, für Häftlinge mosaischen Glaubens sowie für Muslime.
„Fest steht: Wir Christen werden noch immer gebraucht, hier am Rand der Gesellschaft mehr als anderswo“, so Trimmel. Dass pastorale Betreuung in diesem Umfeld ein Knochenjob ist, sieht man auch daran, dass immer mehr Justizbeamte selbst das Gespräch mit Trimmel suchen. „Der Job hier ist eintönig, man macht seinen Job am besten, wenn nichts passiert – entsprechend haben viele Mitarbeiter mit einer inneren Leere zu kämpfen.“ Ein Gefangener brachte es einmal auf den Punkt: „Wir kommen hier eines Tages wieder raus – aber für euch ist das wie ,lebenslänglich‘“, berichtet Trimmel.
Was treibt ihn nach all diesen Jahren noch immer an, seinen Beruf als Berufung zu erleben? „Das Wichtigste ist: Man muss Menschen mögen, man darf keine Angst vor ihnen haben – und man muss ihnen zuhören können, wirklich zuhören und sie ernst nehmen.“ Dann entstünden oftmals besondere Bindungen mit außergewöhnlichen Menschen in einer noch außergewöhnlicheren Situation – und das bedeutet zugleich eine tiefe Befriedigung, so Trimmel. Was ein Häftling verbrochen hat, ist da oft nebensächlich oder stört gar bei den Gesprächen. Die Kunst bestehe freilich darin, „sich von den Geschichten der Häftlinge berühren zu lassen und dennoch nach Dienstschluss das Gefängnis hinter sich zu lassen. Es ist ein schmaler Grat.“





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© Henning Klingen aus: Stadt Gottes März 2010 Seite 28