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Land der Äpfel
Von 100 Äpfeln, die in der Europäischen Union produziert werden, kommen zehn aus Südtirol. Lana, rund 30 Kilometer nördlich von Bozen, ist die größte und zugleich eine der ältesten Obstbaugemeinden des Landes. Hier erzählt ein Museum, wie Südtirol zum größten Obstbaugebiet Europas wurde.
Anfang des 19. Jahrhunderts hatte fast jeder Südtiroler Hof Apfelbäume. Ein Teil der Äpfel wurde auch nach Wien, München oder gar bis Norddeutschland und Russland verkauft. Haupteinkommensquelle der Bauern blieb aber der Wein. Ein wesentliches Hemmnis zum Ausbau der Apfelbaumkulturen waren die Überschwemmungen der Etsch, die weite Teile des Tales betrafen und ungesundes Sumpfgebiet zurückließen. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wurde durch die Regulierung und Verbauung der Etsch endlich wertvolles Agrarland für den Obstbau gewonnen. Eine weitere wichtige Voraussetzung war der Ausbau der Eisenbahn, der den raschen Transport von großen Apfelmengen in aller Herren Länder sicherte. Als Drittes trug eine Katastrophe zum Siegeszug des Südtiroler Apfels bei: Der Weinbau musste zunächst durch Pilzbefall der Reben und ab 1901 durch die Reblaus vernichtende Ernteausfälle hinnehmen. Damit gingen die Rebflächen zurück, und die Anbauflächen der Apfelbäume nahmen bis auf die Hälfte der gesamten Agrarfläche zu. Gefährliche Ernte Vorherrschend war der Feldobstbau, bei dem die hoch- und halbhochstämmigen Bäume in weiten Wiesenflächen standen. Beim Gartenobstbau wurden Buschkulturen und Spaliere gezogen, die zwar wesentlich arbeitsaufwändiger waren, dafür aber einen weitaus besseren Ertrag brachten. Bei den Hochstammbäumen mit bis zu sieben Metern Höhe war die Ernte eine gefährliche Angelegenheit. Die „Obstklauber“ Ende des 19. Jahrhunderts waren regelrechte Spezialisten, die aus ganz Mitteleuropa nach Südtirol kamen. Mit Hilfe der „Loan“, einer langen Stange, bei der die Sprossen links und rechts frei abstanden, gelangten die „Klauber“ in luftige Höhen. Die Äpfel kamen in die „Klaubschürze“, einen schräg über die Schulter gehängten Sack. Aus den Schürzen wurden sie in gepolsterte Rückenkörbe gelegt und in den Obstkeller getragen. Zwischen 200 und 400 Kilo konnte ein Mann pro Tag pflücken. Mit der Vergrößerung der Anbaugebiete wurden von Ochsen oder Pferden gezogene Leiterwagen eingesetzt, die 30 bis 40 Tragkörbe fassten. Vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde auf Obststeigen umgestellt, die mit ihren höchstens 30 Kilo gut zu handhaben waren und zudem ohne Umladen gelagert werden konnten. Heute sind Großkisten aus Holz oder Plastik in Gebrauch. Mit modernen Stapelmaschinen werden sie rasch und schonend verladen; das Pflücken ist allerdings nach wie vor Handarbeit. Gelagert werden die Äpfel in ausgedehnten, gekühlten Lagerhallen. Der Sauerstoff wird dem Raum entzogen und dafür Stickstoff zugeführt. Denn der Apfel entwickelt unter Sauerstoffeinfluss das Gas Äthylen, das den Reifevorgang stark beschleunigt. Computergesteuerte Sortieranlagen können pro Stunde bis zu einem Waggon Äpfel nach Größe, Gewicht und Farbe sortieren, anschließend werden sie in die gewünschten Verkaufseinheiten verpackt. Durch die Vielfalt der Apfelsorten und deren unterschiedliche Reifezeit dauerte die Erntezeit einst von Juli bis Oktober. Heute dominieren Herbst- und Wintersorten, die im September und Oktober geerntet werden. Die vorherrschenden Sorten sind Golden Delicious, Royal Gala, Stark Delicious, Breaburn und Granny Smith. Feinde einer guten Ernte Schädlinge und Wetterkapriolen bedrohen die Ernte. Bis ins 18. Jahrhundert verließ man sich auf die Wirkung von Bittprozessionen und kirchlichem Segen. Da sich viele Schädlinge davon aber nicht beeindrucken ließen, war Selbsthilfe gefordert. Jedes vierte Jahr war ein großer „Maikäferfeldzug“ angesagt, bei dem in aller Früh die erstarrten Käfer von den Bäumen geschüttelt und entsorgt wurden. Dem Blütenstecher und dem Frostspanner wurde ebenfalls mechanisch zu Leibe gerückt. Bestäuben mit Schwefel, Spritzen mit Kupferkalkbrühe oder Schwefelkalkbrühe waren weitere Methoden, und zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann der Siegeszug der Chemie mit Arsenverbindungen, Karbol, Nikotinsulfat … Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen hochwirksame Chemikalien wie DDT zum Einsatz, die zuerst eine großartige Wirkung hatten. Es zeigte sich jedoch, dass die Schädlinge dagegen resistent und die Menschen davon krank wurden. So setzte sich Ende des 20. Jahrhunderts vermehrt der integrierte Pflanzenschutz durch. Dabei werden Marienkäfer, Falter und Fliegen als natürliche Feinde der Schädlinge eingesetzt. Oder es werden Nistkästen für Vögel und Trockenmauern als Unterschlupf für Igel gebaut – Nützlinge, die erstaunliche Mengen Ungeziefer wegputzen. Bei der Dispenser-Methode werden Bänder mit weiblichen Sexualhormonen zur Verwirrung der Männchen aufgehängt und damit wird die Fortpflanzung der Schadinsekten unterbunden. Auch mittels züchterischer Auswahl bestimmter Obstsorten lässt sich viel erreichen, oder man spritzt Weißöl, das Pilzsporen auf der Haut der Früchte keine Angriffsfläche bietet. Bei der Bekämpfung des gefürchteten Feuerbrandbakteriums hilft aber nur Roden, Verbrennen, Erde- Ausheben. Dem Frühlingsfrost begegnete man früher mit dem Entzünden von feuchtem Reisig, Stroh und Gras. Der Rauch setzte sich am Boden fest und verhinderte die Abstrahlung der Bodenwärme. Diese Methode war recht aufwändig, ebenso die Beheizung mittels Geländeöfen. Nicht bewährt haben sich sog. „Bewinder“, die mit großen Propellern eine bessere Durchschnittstemperatur zwischen der kalten Bodenluft und der wärmeren Luftschicht herbeiführen sollten. Was sich hingegen als wirksam erwiesen hat, ist die in den 1950er-Jahren aufgekommene Frostschutzberegnung: Aus zehn bis 20 Meter tiefen Brunnen wird zehn bis 15 Grad warmes Wasser gepumpt und auf die blühenden Bäume gesprüht. Das Wasser friert und setzt dabei Gefrierwärme frei. Es muss dabei jedoch fortlaufend gesprüht werden, da nicht der Eispanzer schützt, sondern der Prozess des Gefrierens. Somit ist als schlimmster Feind nur noch der Hagel geblieben. Durch früher übliche Böllerschüsse ließen sich die Hagelwolken ebenso wenig abschrecken wie durch Hagelabwehrraketen. In jüngster Zeit entwickelte Hagelnetze müssen sich erst bewähren. Sonst hilft nur eine gute Hagelversicherung. Tipp: Das Südtiroler Obstbaumuseum in Lana bei Meran gibt einen fundierten Einblick in die Welt des Apfels, seinen Anbau und seine Verwertung einst und heute (geöffnet 1. April bis 31. Oktober, Dienstag bis Samstag). Internet: www.obstbaumuseum.it
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Traude Walek-Doby aus: Stadt Gottes Juli 2010
Seite 04
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