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Streiflichter aus Südtirol

Südtirol ist mehr als bekannte Klischees wie Bergbauern und Berge, meint der Steyler Missionar Pater Sepp Hollweck. Am meisten schätzt er die Menschen, aber auch das Zusammentreffen verschiedener Kulturen und Traditionen. „Man lebt hier in Italien, aber doch auch wieder nicht ganz – das macht es so faszinierend“, schaut er auf die Zwischenräume. Für die STADT GOTTES hat er seine Gedanken und Perspektiven zu Südtirol festgehalten:

 

„Wir sind doch in Italien“

 

Je weiter man nach Italien „hinunter“ kommt, umso weniger ist die besondere Situation Südtirols bekannt. So können die Urlauber aus dem Süden oft nicht verstehen, warum man hier deutsch spricht: „Siamo in Italia“ („Wir sind doch hier in Italien“) bekommt man dann zu hören. Da die Gottesdienste außerhalb der Städte fast durchwegs in deutscher Sprache gehalten werden, ist das besonders oft in der Urlaubszeit zu hören – und ärgert dementsprechend die Deutschsprachigen. Die wiederum vermeiden wo sie nur können, sich als „Italiener“ zu bezeichnen.
In der Politik beanspruchen die rechtsgerichteten italienischen Parteien für sich, die Rechte der italienisch-sprechenden Minderheit gegenüber der doppelt so großen deutschsprachigen Mehrheit verteidigen zu müssen. Sie sprechen gerne von einem „disagio“ (Ungehagen) der italienischen Südtiroler.

 

Terroristen, Freiheitskämpfer oder Aktivisten

 

Nach dem Ende des Mussolini-Regimes und des Zweiten Weltkrieges wurde Südtirol von einer Welle der Italienisierung überrollt, d. h. von der Regierung in Rom wurden u. a. Arbeitsplätze und Wohnungen errichtet, die ausschließlich italienischen Zuwanderern zugute kamen. Dadurch spitzte sich die Lage zu, die dann 1961 in eine Serie von Bombenanschlägen mündete. 1978 kam es zu einer zweiten Bombenserie, die, das weiß man heute, von Geheimdiensten im Zuge des Kalten Krieges inszeniert, aber Südtirolern in die Schuhe geschoben wurde. Bis heute ist umstritten, ob die Bomben von 1961 und den folgenden Jahren die Autonomie-Verhandlungen hemmten oder beschleunigten. Die an den Attentaten Beteiligten werden bis heute von italienischen Medien als „terroristi“ bezeichnet, von Befürworten als „Freiheitskämpfer“ und von eher neutralen Medien als „Aktivisten“.

 

Autonomie

 

Die „Autonome Provinz Bozen“ bildet zusammen mit der Provinz Trient (Trentino), dem alt-österreichischen „Welsch-Tirol“, im italienischen Staatsverband eine Region und genießt ein hohes Maß an Autonomie. Die Provinz bekommt einen Großteil der Steuern zurück und trägt dafür in weiten Bereichen die Verantwortung, die im übrigen Italien dem Zentralstaat obliegt. Das sogenannte „Autonomie-Paket“ ist das Werk des charismatischen Silvius Magnago, der von 1960 bis 1989 Landeshauptmann war. Er erkannte eine Loslösung von Italien als unrealistisch und setzte auf ein „Los-von-Trient“ und trieb so die Autonomie voran.

 

Sprachenproporz

 

Bis in die siebziger Jahre war die deutschsprachige Volksgruppe in den gesamtstaatlichen Behörden und den Ordnungskräften in Südtirol kaum vertreten. Das änderte sich mit dem in den Autonomiebestimmungen festgelegten Sprachenproporz. Der beinhaltet, dass jeder der drei Sprachgruppen ihrem Anteil an der Bevölkerungszahl entsprechend öffentliche Stellen zustehen. Das hat zur Voraussetzung, dass sich jeder erwachsene Südtiroler zu einer Sprachgruppe bekennen muss. Ein Problem ist das vor allem für jene, die aus einer gemischtsprachigen Familie kommen. Da zumindest anfangs die Deutschen bei der Stellenbesetzung viel nachzuholen hatten, verursachte der Proporz unter den Italienern großen Missmut.

 

Zweisprachigkeit

 

Die meisten Südtiroler können sich in Italienisch zumindest gut verständigen, umgekehrt ist das bei einem Großteil der Südtiroler Italiener nicht der Fall. Stößt ein Italiener zu einer Gruppe Deutschsprachiger, schwenken in der Regel die Deutschen auf Italienisch um. Für Bedienstete im öffentlichen Bereich (vom Beamten bis zum Buschauffeur) gibt es einen Zuschlag für Doppelsprachigkeit, wenn sie die entsprechende Prüfung ablegen. Grundsätzlich hat jeder Südtiroler dank der Autonomie das Recht, von öffentlich Bediensteten wie von Ordnungskräften in seiner Muttersprache angesprochen zu werden.

 

Onomastik statt Ortstafelstreit

 

Was für Österreich der Ortstafelstreit ist, ist für Südtirol die „Onomastik“. Grundsätzlich müssen alle öffentlichen Aufschriften zwei- oder (in den ladinischen Tälern Gröden und Gadertal) dreisprachig sein. Das gilt vor allem für Ortsbezeichnungen. Nun gibt es vor allem auf dem rechten politischen Sektor Südtirols Bestrebungen, die italienischen Bezeichnungen ganz einfach abzuschaffen. Das ist einerseits politisch in Rom nicht durchsetzbar, andererseits auch vom Tourismus nicht unbedingt gewollt, weil „der italienische Gast“ die italienische Form gewohnt ist.

 

EU-Region Tirol

 

Österreich hat eine international abgesicherte Schutzmacht-Funktion für Südtirol. Die wird von Italien eher als ein unliebsames Zugeständnis bewertet. Umgekehrt war bisher keine österreichische Regierung daran interessiert, darauf besonders zu bestehen, da man die (vor allem wirtschaftlichen) Beziehungen nicht beeinträchtigen möchte.
Interessant ist, dass in letzter Zeit Parteien und Gruppierungen, die das Selbstbestimmungsrecht (und damit die Loslösung von Italien) fordern, weniger von einer Rückkehr zu Österreich reden, als vielmehr von einer Selbstständigkeit Südtirols, was, nüchtern betrachtet, unrealistisch ist. Zukunftsträchtig hingegen ist das Bestreben, innerhalb der Europäischen Union eine Region Tirol zu fördern, der das österreichische Bundesland Tirol, die Provinz Bozen-Südtirol und das Trentino angehören. Neuerdings hat auch Friaul-Venetien ein gewisses Interesse daran gezeigt.

 

Das heilige Land Tirol

 

Wollte man in Südtirol Kirchen, Kapellen, Bildstöcke und Wegkreuze zählen, käme man wohl an kein Ende. Nur, das „heilige Land Tirol“ ist wohl, wenn es denn einmal existierte, auch in diesem Landesteil an ein Ende gelangt. Die Kirchen leeren sich auch hier, Priesterseminar und Ordenshäuser ebenso. Die Säkularisierung zeigt auch in Südtirol, wenn auch etwas langsamer als im übrigen deutschen Sprachraum, ihre Folgen.

 

Die Schützen

 

Die Schützen sind aus der Folklore Südtirols nicht wegzudenken. Kein Umzug, keine Prozession ohne sie. Aber sie sind weitaus mehr als Folklore: Für die meisten Italiener sind sie das, was sie ursprünglich waren: eine paramilitärische Organisation. In der Faschistenzeit waren sie verboten. Aber auch das republikanische Italien zögerte, sie wieder zuzulassen. Erst seit ein paar Jahren dürfen sie wieder Waffen tragen, allerdings mit Einschränkungen: mit den Gewehren können nur Platzpatronen abgeschossen werden; die Säbelspitzen müssen abgerundet und stumpf sein.

 

Seit 1986 lebt der gebürtige Bayer und Wahlösterreicher Pater Sepp Hollweck SVD in Bozen. Nach seiner Zeit im Missionshaus St. Gabriel als Rektor und Chefredakteur der STADT GOTTES kam er nach Südtirol, um sich für die missionarische Bewusstseinsbildung einzusetzen (u. a. durch Fernsehreportagen aus aller Welt, durch seine Mitarbeit bei Zeitschriften und jetzt auch als Moderator von drei Pfarren).





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© Sepp Hollweck SVD aus: Stadt Gottes Juli 2010 Seite 07