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Blind am Berg

Schon als Jugendlicher träumte der blinde Andy Holzer davon, auf Berge zu klettern. Mittlerweile ist er auf vielen Gipfeln gestanden, nicht nur in Europa. Nun möchte der 43-jährige Osttiroler den höchsten Gipfel jedes Kontinents erklimmen – fünf hat er bereits geschafft.

 

"Wenn ich eine neue Expedition angehe, dann war ich vorher schon x-mal virtuell dort, weil ich mich sehr intensiv vorbereite. Das ist die einzige Chance, dass man als blinder Mensch so etwas machen kann“, erzählt Andy Holzer. „Wenn ich dann dort bin, ist es nur noch mein Körper, der durch diese Gegend marschiert. Die ganze Ausstrahlung dieses Berges hab ich schon aus unzähligen Beschreibungen und Erzählungen erlebt, da überrascht mich nicht mehr so viel. Der Berg ist wie ein alter Bekannter für mich.“
Andy Holzer ist durch eine Netzhauterkrankung von Geburt an blind. Schon als Jugendlicher träumte er davon, am Berg zu klettern. Mittlerweile ist er auf vielen Gipfeln gestanden, nicht nur in Europa. Sein ehrgeiziges Ziel: die „Seven Summits“, den jeweils höchsten Berg auf jedem der sieben Kontinente zu erreichen. Fünf hat er bereits „abgehakt“, zuletzt war er auf Carstensz-Pyramide in West-Papua, dem höchsten Berg Ozeaniens, davor hat er mit vier Freunden den Mount McKinley in Alaska bezwungen.

 

Orientierung mit vier Sinnen

 

Oft muss der 43-jährige Osttiroler mit seinen Partnern erst einmal tagelang gehen, bis die Kletterwand vor ihnen aufragt. Dann geht der Sehende knapp einen Meter voran und mit Hilfe des Geräuschs der Sohlen hört Holzer, wie der Boden aussieht: Morast? Steine? Lockeres Geröll oder Wasser? Je nach Gehörtem setzt er seine Füße – und das ist schwierig, weil er dabei nur auf die Ohren angewiesen ist. Sobald das Klettergelände beginnt, fühlt der „Climber“ sich zu Hause, dann kann auch er voransteigen. „Wenn wir auf allen Vieren unterwegs sind, hab ich mit dem Tastsinn ja einen zweiten Sinn, der mir Informationen übers Gelände gibt. Dann brauche ich nicht unbedingt jemanden vor mir. Ich „sehe“ ja praktisch so weit, wie meine Arme lang sind, und das reicht.“
Andy Holzer muss seine vier Sinne zusammennehmen, wenn er klettert. Er horcht, wie der Wind um die Ecken pfeift oder die Sandkörner fliegen, und baut so eine Karte im Kopf auf. Aber: „Es ist Unsinn, dass Blinde besonders gut hören können: Ich hab genauso ein Hörorgan wie andere, nur werden die Informationen im Gehirn feiner verarbeitet, und deshalb kann ich eben zwei oder drei Dinge gleichzeitig erkennen. Schwierig wird’s nur, wenn Wind aufkommt oder ein Wasserfall rauscht. Das ist für mich wie für Sie dichter Nebel. Dann bin ich wahnsinnig eingeschränkt, dann hör ich nichts mehr.“
Auch deshalb geht der Tristacher, der am Lienzer Krankenhaus als Heilmasseur und Heilbademeister arbeitet, nie allein ins Gelände. Doch es stört ihn nicht, dass er immer auf einen Partner angewiesen ist, der mit ihm geht. „Das ist überhaupt keine Einschränkung des Genusses. Schlimm ist es nur, wenn ein wunderschöner Tag ist, ich bin verabredet zum Klettern, und dann sagt der Partner ab. Dann denke ich mir: ,Jetzt würde ich gern alleine losziehen können!‘ Natürlich könnte ich allein in eine Felswand steigen, aber da ist mein Hausverstand dann so groß, dass ich sage: Lass das, da darfst du nicht mal einen halben Fehler machen, dann bist du weg! Ich hab ja keinen visuellen Rettungsanker, kann nicht sehen: Ach, da könnte ich mich halten. Da würde ich wirklich mit meinem Leben spielen.“
Andy Holzer ist schon mit vielen Partnern geklettert, gute Kletterer, aber auch schwache Sportler, die ohne ihn nirgendwohin kämen; seine Kolleginnen aus dem Krankenhaus wollten zum Beispiel einmal mit ihm losziehen. Auch blinde Kinder hat er schon auf den Berg geführt. Auf solche Aktionen ist er stolz: „Die vertrauen mir wirklich, und das gibt mir wahnsinnig viel. Da steigt der Blinde voran!“

 

Sehenden die Augen öffnen

 

Mittlerweile ist Andy Holzer eine Berühmtheit über die Grenzen Österreichs hinaus. Er hält Vorträge über seine Erfahrungen als Blinder am Berg, spricht auch vor Managern und Firmenchefs. Mit seinem Motto „Den Sehenden die Augen öffnen“ wirbt er dafür, auch Schwäche zuzulassen und darauf zu vertrauen, dass die Kraft der Starken reicht, um auch den Schwachen mitzunehmen. Eine durchaus gesellschaftspolitische Botschaft: „Da geht ein Blinder mit auf eine Expedition, das Schwächste, was sich der westliche Mensch so vorstellen kann. Unterwegs in Alaska bei minus 50 Grad und 160 Kilometer pro Stunde Windgeschwindigkeit – und da geht so eine schwache Kreatur wie ich mit. Und was passiert? Wir bündeln die Energie, um diesen Schwächsten mitzunehmen. Und so müsste es überall funktionieren. Denn die Schwäche zu verstecken, kostet viel mehr Energie, als wenn man beim Chef zugeben dürfte: Ich kann heute nichts leisten, ich bin schlecht drauf. Überall verdecken wir unsere Schwäche: Bloß keine Schwachstellen erkennen lassen, eine gute Figur machen! Und das braucht wahnsinnig viel Energie, die für etwas Positives nicht mehr zur Verfügung steht.“
Wenn er so redet, spürt er, dass die Leute ihm glauben. Seine Geschichte ist spektakulär, er braucht kein Mitleid und keine Betroffenheitsbekundungen. „Es gibt ja nichts Plakativeres als einen blinden Mann, der über einer 1000 Meter tiefen Felsspalte hängt. Deshalb glauben mir die Leute, wenn ich sage: Ihr seid genauso abhängig wie ich. Das ist nichts Bedauernswertes. Im Gegenteil: Macht etwas daraus! Die Energie, die man hat, wird doch verdoppelt, verdreifacht, vervierfacht, wenn man sie mit anderen teilt. Wir sind nicht in diese Welt geboren, um allein zu sein! In unserer westlichen Gesellschaft will jeder allein vorauspreschen. Aber als „blind climber“ hab ich gemerkt: Es ist ein Segen, voneinander abhängig zu sein, keine Bürde! In Wirklichkeit ist doch kein Mensch auf dieser Erde wirklich unabhängig, ständig ist man auf irgendjemanden oder etwas angewiesen. Und wenn man das einmal als Baustein des Lebens erkannt hat und wie ich sogar genießen kann, dann ist die Abhängigkeit von anderen geradezu etwas Schönes!“

 

INTERNET-TIPP
Berichte und Fotos von den Expeditionen Andy Holzers sowie die Termine seiner nächsten Vorträge und viele weitere Informationen finden Sie im Internet: www.andyholzer.com

 





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© Christina Brunner aus: Stadt Gottes Juli 2010 Seite 18