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Klimagerechtigkeit

Spiritualität als „Wellness für die Seele“ ist gefragt. Christliche Spiritualität ist aber mehr: Sie sucht nicht den egoistischen Rückzug aus der Welt, sondern ein Handeln in der Welt, im Geist Jesu. Dazu gehört ganz wesentlich der Einsatz für Klimagerechtigkeit.

 

Heute ist viel von Spiritualität die Rede. Die Hektik unserer Zeit weckt in vielen die Sehnsucht nach Stille, nach Rückzug aus der Geschäftigkeit des Alltags. Nicht nur Menschen, die in den Berufsalltag eingespannt sind, können sich dem fordernden schnellen Rhythmus des Lebens kaum entziehen. Kinder haben neben dem Schulstress oft auch in der Freizeit ein riesiges Pensum an Verpflichtungen zu bewältigen. Und Senioren geht es so, dass im angeblichen „Ruhestand“ für nichts mehr Zeit ist. „Spiritualität“ ermöglicht einen Ausweg aus dem Gerenne des Alltags, ein Innehalten, eine Rückbesinnung auf das Wesentliche.

 

Weltfremde Spiritualität

 

Gemeint ist hier keine Spiritualität, die vergeistigt und weltabgehoben ist. Diese Form, „Spiritualität“ zu leben, gibt es auch. Sie ist sogar am Zunehmen wegen der vielen Krisen, in der sich die Menschheit befindet. Weil alles so unübersichtlich und kompliziert geworden ist, haben viele Sehnsucht nach der Einfachheit. Und landen leicht bei allzu einfachen und einfältigen Formeln für das Leben. Oder der beinharte Wettbewerb in der Konkurrenzgesellschaft weckt den Wunsch nach Harmonie und Ausgleich. Dieser wird vielleicht in einer Form von Meditation gesucht, die über Atemtechniken eine tiefe Verbundenheit mit dem ganzen Kosmos erfahren lässt. Die Erfahrung der Einheit soll innere Spannungen lösen, die geistige Sammlung und Spannkraft erhöhen und wieder fit machen für den Einsatz im Wettbewerb der Welt. Schließlich wächst bei manchen die Sehnsucht danach, die schlechte krisengeschüttelte Welt hinter sich zu lassen und in schönen rituellen Formen und stimmungsvollen Liturgien die bedrohliche Wirklichkeit der Welt zu vergessen. Der Rückzug in eine scheinbar heile Parallel-Welt kann die Folge sein.

 

Dem Geist Jesu Raum geben

 

Mit christlicher Spiritualität hat das alles wenig zu tun. Christliche Spiritualität muss Maß nehmen am Leben Jesu Christi. Sie gibt dem Geist Jesu Raum im eigenen Leben. Sie lässt sich von seinem Geist erfassen und dazu anstiften, die Welt so zu gestalten, dass Gottes Reich der Gerechtigkeit und des Friedens in dieser Welt anbricht. Christliche Spiritualität führt nicht zur Flucht aus der Welt, sondern zur Sendung hinein in die Welt. Mehr noch: In der Welt nimmt sie wahr, wie Gottes Geist schon am Wirken ist und was er uns durch „Zeichen der Zeit“ zu sagen hat. Diese Zeichen der Zeit in einem geistlichen Unterscheidungsprozess zu deuten und das Leben dementsprechend auszurichten, ist ständige Aufgabe der christlichen Gemeinde. Sie ist das eigentliche Merkmal christlicher Spiritualität, weil sie ständig danach fragt, wie Jesus diese Situationen interpretiert, was er gesagt und was er getan hätte.

 

Im Geist Jesu: Klimagerechtigkeit!

 

In diesem Sinn ist der Klimawandel bedeutsam für die christliche Spiritualität. Der Klimawandel ist ja ein mächtiges „Zeichen der Zeit“, das nach einer christlichen Antwort ruft. Diese Antwort kann – im Geist Jesu – nur eine umfassende Solidarität sein. Um die Welt zu retten, hat er sein Leben für die Vielen hingegeben. Alles wurde durch ihn geschaffen, und alles ist in ihm versöhnt. Jesu Geist bewirkt daher eine tiefe Verbundenheit mit allen Lebewesen, die vom Aussterben bedroht sind. Geschöpfe Gottes sind sie, genauso wie wir von ihm gemacht, in Liebe und Sorgfalt. Jesu Geist öffnet die Augen dafür, dass unsere Schwestern und Brüder in den Ländern des Südens am ärgsten unter den Auswirkungen des Klimawandels zu leiden haben, und fordert uns heraus zur solidarischen Hilfe und zur Veränderung unseres Lebensstils. Im Geist Jesu erkennen wir auch das himmelschreiende Unrecht, das an den kommenden Generationen geschieht. Der westliche Lebensstil bewirkt nicht nur einen Raubbau an der Natur, er schädigt auch nachhaltig den Planeten Erde, den wir von den kommenden Generationen nur geborgt haben. Werden die nächsten Generationen uns dafür anklagen, dass wir die Ressourcen der Erde verprasst, das Klima verändert und damit ihr Leben zur Hölle gemacht haben? Klimagerechtigkeit ist das Gebot der Stunde. Wir dürfen nur so viel an Ressourcen verbrauchen, wie uns im Blick auf die Armen und die nächsten Generationen zusteht. Noch ist es für eine Umkehr nicht zu spät. Im Geist Jesu, aus einer echten christlichen Spiritualität heraus, kann sie gelingen.





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© Franz Helm SVD aus: Stadt Gottes Juli 2010 Seite 34