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Nicht alles ist schwierig!

Das „Gespenst Pubertät“ macht vielen Eltern Angst. Doch Jugendliche sind auch in diesen manchmal „stürmischen Zeiten“ eine Bereicherung für unser Zusammenleben.

 

Wie sehr wir die Pubertät unserer Kinder als schwierige Zeit erleben, hängt davon ab, durch welche Brille der vorgefassten und gesellschaftlich gängigen Meinungen wir diesen Lebensabschnitt betrachten. Pubertät wird oft als Problemzeit dargestellt und man gewinnt den Eindruck, dass sich Jugendliche nicht entwickeln dürfen, ohne dass sie dabei problematisiert werden.
Pubertät ist jedoch kein Problem, Pubertät ist eine Tatsache, auf die sich Eltern in einer mehr oder weniger problematischen Weise beziehen können.
Älter werdende Kinder machen zunächst einmal nur das, was sie machen müssen: Sie wachsen und entwickeln sich. Sie versuchen sich selbst zu entdecken, selbstständig zu werden, eigene Werte und Ideale zu entwickeln, was oft auch mit großer Unsicherheit verbunden ist. Zweifelsohne gibt es in dieser besonderen Entwicklungszeit viele Herausforderungen, nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Eltern.
Schwierig ist die Pubertät dann, wenn Eltern

  • zu viel persönlich, also gegen sich gerichtet, nehmen.
  • sich zu viel sorgen und den Kindern kein eigenverantwortliches Handeln zutrauen.
  • immer Recht haben wollen und auf dem eigenen Standpunkt beharren.
  • nicht bereit sind, sich mitzuverändern.
  • keine Geduld für Veränderungsarbeit aufbringen.

Freude und Bereicherung im Zusammenleben

 

Junge Menschen bringen viel frischen Wind in eine Gemeinschaft ein: Sie haben neue Ideen, andere Sichtweisen und Meinungen, bringen Energie und Schwung in unseren routinierten Alltag. Mitunter empfinden Erwachsene diesen Wind als etwas „zu frisch“. In Konfrontationen sind Eltern gefordert, ihre Werte zu hinterfragen, Standpunkt zu beziehen und sich selber neu zu orientieren.
Die Rolle des Erziehers, der Erzieherin dürfen wir immer mehr ablegen, was für beide Seiten sehr entlastend sein kann. Schrittweise wird Neues in der Beziehung möglich: nicht mehr erziehen, sondern begleiten, zur Verfügung stehen und darauf vertrauen, dass das Kind das Beste tut, das zu diesem Zeitpunkt möglich ist mit den Karten, die das Leben ihm in die Hand gegeben hat.
Mit dem Selbstständigwerden der heranwachsenden Kinder können Eltern ihre neu gewonnene Freiheit immer mehr in Anspruch nehmen, „sich im Sessel etwas zurücklehnen“, einfach zuschauen und die Jugendlichen genießen.

 

Ein Ritual der Wertschätzung

 

Der Geburtstag oder auch die Firmung, die ja ein Übergang zum Erwachsensein ist, kann ein Anlass sein, um dem Kind in einem feierlichen Rahmen seine persönliche Wertschätzung zu zeigen, ihm zu sagen, welchen wichtigen Platz der junge Mensch in der Familie einnimmt und wie er/ sie das Leben aller bereichert. Das kann in Form einer Ansprache beim Fest oder auch in Form eines Briefes geschehen, eine nette Idee ist auch dieses Ritual:
Zum Geburtstag werden eine Wasserschale und so viele Schwimmkerzen, wie das Kind alt ist, vorbereitet (siehe Bild). Alle Familienmitglieder beteiligen sich daran mit folgenden möglichen Sätzen in mehreren Runden (denn es gibt ja schon viele Kerzen zu entzünden):

  • Ich schätze an dir …
  • Du bereicherst unser Zusammenleben mit …
  • Wir sind dankbar über …
  • über …

In anstrengenden Zeiten mit dem Kind kann dieses Ritual, wenn es authentisch vollzogen wird, eine große Herausforderung sein. Aber es lohnt sich, weil es beiden Seiten gut tut. Auch wenn Eltern ab und zu das Gefühl haben, die Jugendlichen nicht zu erreichen, ehrliche Wertschätzung erreicht sie immer.
In der Pubertät bekommen die Kinder ihre zweite Chance zu entdecken, wer sie eigentlich sind. Und auch Eltern bekommen eine weitere Chance, ihre Kinder neu kennen zu lernen und mit ihren Kindern zu wachsen. Ergreifen wir diese Möglichkeit mit Neugier, Freude und Humor!

 

Mag. Anna Ebenbauer, Theologin, Pädagogin, Elternbildnerin und Mutter von 3 Töchtern (11, 13 und 18 Jahre)

 

„Geniessen Sie Ihre Kinder!“ – Eine Übung von Jesper Juul

 

Ein Vorschlag: Setzen Sie sich heute Abend hin, vielleicht für eine halbe Stunde, schauen Sie Ihre Kinder an und genießen Sie sie.
„Das ist mein 13-jähriger Sohn oder meine 15-jährige Tochter … All die Jahre haben wir gemeinsam verbracht, jetzt ist er, ist sie so alt geworden – und wir haben das ganz schön gut gemacht.“
Eltern entgegnen dann oft: „Ja, aber so gut ist das Ergebnis auch wieder nicht. Wenn Sie meinen Sohn sehen würden …“ Nun, darauf kann ich nur antworten, wenn Sie Perfektion suchen, dann stellen Sie sich doch ein paar Minuten vor den Spiegel und schauen sich selbst an. Das sollte eigentlich genug sein, um sich von der Wunschvorstellung „Perfektion“ zu verabschieden.

 

Aus: Jesper Juul, Pubertät. Wenn Erziehen nicht mehr geht. Gelassen durch stürmische Zeiten, Kösel-Verlag

 

Buchtipp:
Jesper Juul: Pubertät –Wenn erziehen nicht mehr geht. Gelassen durch stürmische Zeiten,
Kösel-Verlag, € 17,50





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© Anna Ebenbauer aus: Stadt Gottes Juli 2010 Seite 58